Heeresversuchsstelle

Hier wurde die Kriegsführung zur Perfektion gebracht.
Wir begeben uns an eine Stätte, an der über Jahrzehnte und Regime hinweg Forscher, Industrielle, Politiker und Militärs zusammenfanden, um das Töten zu perfektionieren.

Kummersdorf war über Jahrzehnte eines der wichtigsten Experimentierfelder für Waffentechnik, die wohl vielfältigste Militärforschungsstätte der Welt. Auf diesem Boden wurden zwei verheerende Weltkriege vorbereitet. Auf diesem Boden begann die Raketenforschung, die zur Raumfahrt führte und zum Wettrüsten. Hier startete das deutsche Atomprogramm und entstand die weltweit erste Anlage für genormte Geländefahrzeugtests. Von hier aus koordinierten sowjetische Streitkräfte ihre Versorgungsflüge an die Frontlinie des Kalten Krieges. Die DDR präsentierte auf diesem Gelände ihre Rüstungsgüter für den internationalen Waffenhandel. Und Ex-Staatschef Honecker verbrachte hier 1991 seine letzte Nacht, bevor er nach Moskau floh.

All dies geschah im Verborgenen. In der öffentlichen Wahrnehmung und in der aktuellen Forschung kommt das bis heute schwer zugängliche, fast vergessene Gelände kaum vor.

Unzählige Bauwerke tarnen sich in diesem Wald – gewaltige Klumpen aus Stahl und Beton, eingerahmt und überwuchert von der Natur. Relikte, die wirken wie Ruinen einer untergegangenen Kultur. Es sind Beschussziele, Bunker, Lüftungsschächte, auch Bauten, deren Funktion bis heute nicht ganz klar ist

Ins Visier preußischer Militärstrategen war das Terrain schon kurz nach Ende des Deutsch-Französischen Kriegs 1870/71 geraten. Die Artillerie-Prüfungskommission suchte ein neues Versuchsgelände als Ersatz für Berlin-Tegel – wegen der wachsenden Zerstörungskraft und Reichweite der Geschütze, aber auch zum Zwecke der Geheimhaltung.
Fortan erprobte man im Staatsforst bei Kummersdorf Waffen und Munition, Brücken- und Festungsbauten, Feldeisenbahnen und bombende Luftschiffe. Bis auch der neue Schießplatz seine Kapazitätsgrenzen erreichte: Ein Geschütz des Rüstungskonzerns Krupp ließ eine 1000 Kilogramm schwere Granate 15 Kilometer weit fliegen. Noch bevor diese Kanone, die "Dicke Bertha", ausgetestet war, begann der Erste Weltkrieg. Die Erprobung erfolgte gegen Belgien.

Das Kriegsende 1918 hätte auch das Ende des "Schießplatzes Kummersdorf" sein sollen: Der Friedensvertrag von Versailles verbot den Deutschen die Entwicklung neuer Waffen. Doch stattdessen wurde auf dem Gelände die Geheimhaltung verschärft. Auf dem Reißbrett entstanden Waffen, Fahrzeuge und Ausrüstungen – und ab Mitte der Zwanzigerjahren wurde in Kummersdorf wieder geschossen. Das Heereswaffenamt wachte jetzt über Artillerie, Nachrichtentechnik und Panzer, die zur Tarnung "Großtraktoren" hießen.

Bis heute sind rund 4000 Bauwerke auf diesem Gelände entdeckt und kartografiert – aus der Kaiserzeit, der Weimarer Republik, dem Nationalsozialismus und der sowjetischen Besatzung. Außer mit Waffen war auch mit Baumaterialien und -konstruktionen experimentiert worden. Zu den bemerkenswertesten Hinterlassenschaften zählen die Triebwerksprüfstände aus der Anfangszeit der Raketenforschung – Fragmente, wie es sie nirgendwo sonst gibt.

Was die russischen Truppen gebrauchen konnten, demontierten sie nach Kriegsende als Reparationen für ihre Heimat. Mehr noch interessierte sich die Besatzungsmacht für Personal und Unterlagen: Ab 1942 war der Sowjetführung bekannt, dass Physiker und Chemiker der Heeresversuchsstelle auch an einem Uranprojekt gearbeitet hatten.

Mit dem Krieg indes endete die Geheimniskrämerei in Kummersdorf nicht: Abermals wurde das Areal zur Sperrzone; in die Garnisonen zogen nun sowjetische Truppen. Nahe Wünsdorf, einst Sitz des Oberkommandos der Wehrmacht und dann der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland, ließen sich die Besatzer von der DDR quer über die Schießbahnen einen Flugplatz bauen. 1994 erst zogen die letzten russischen Truppen ab.

Irgendwann zerfallen die Ruinen ganz oder werden von der Natur verschluckt.

Teil I

Teil II

Teil III

Teil IV